Philippe Baudouin: Au microphone: Dr. Walter Benjamin. Walter Benjamin et la création radiophonique 1929-1933

Éditions de la Maison des sciences de l´homme 2009
von Philippe Baudouin

 

Fünfundzwanzig Jahre nach der bahnbrechenden, noch heute unentbehrlichen Monographie von Sabine Schiller-Lerg (Walter Benjamin und der Rundfunk, München 1984) hat sich der in Montpellier tätige Philosoph Philippe Baudouin an die bislang innerhalb der Forschungsgemeinschaft als sekundär betrachteten Rundfunkarbeiten Benjamins herangewagt. Bekanntlich hat Benjamin zwischen 1929 und 1933 mehr als achtzig Sendungen realisiert. Ein guter Teil der zugrunde liegenden Texte können heute im zweiten, vierten und siebten Band der Gesammelten Schriften gefunden werden, wobei diese Verstreutheit eine angemessene Rezeption eher nicht erleichtert hat, und auch die 2002 von Detlev Schöttker herausgegebene Auswahl derMedienästhetischen Schriften Benjamins gönnt den Rundfunkarbeiten einen relativ bescheidenen Raum.

Um die Originalität und die philosophische Relevanz dieser Rundfunkarbeiten zu belegen, lädt Baudouin den Leser auf eine Reise in drei Etappen ein. Als wesentliche Voraussetzung gilt für ihn die Betonung der mittlerweile fast zum Gemeinplatz gewordenen eigentümlichen Verschränkung zwischen Theorie und Praxis, der jede Auseinandersetzung mit diesem Teil der Benjaminschen Produktion Rechnung tragen sollte: Ein rein ästhetischer Ansatz erweist sich allerdings als unzulänglich und sollte durch politische Überlegungen fruchtbar gemacht werden Zu diesem Zweck liefert Baudouin im ersten Kapitel eine bündige Schilderung des Weimarer Kontextes im allgemeinen und der Motivationen und Einflüsse (v. a. von E. Schoen, A. Lacis und B. Brecht), die Benjamin zu einer so intensiven Beschäftigung mit dem Rundfunk geführt haben. Mag auch seine finanzielle Notlage den Hauptimpuls dazu gegeben haben, hat Benjamin gleichwohl das Potential dieses Mediums eingesehen und politisch-pädagogisch zu verwerten versucht. Um die weittragenden theoretischen Implikationen dieses Unternehmens analytisch bloßzulegen, werden im zweiten Kapitel sowohl der Kunstwerk-Aufsatz (1935) als auch einige verstreute Notizen zum Thema Rundfunk herangezogen (über mehr als Fragmente verfügen wir nicht, da Benjamin bekanntlich „keinen philosophischen Aufsatz über den Rundfunk verfasst“ hat). Baudouins Lektüre ist hier von der Frage geleitet, ob es möglich ist, eine erschöpfende Definition des Rundfunks durch die Konzepte der technischen Reproduzierbarkeit und des Verfalls der Aura zu formulieren. „Aura – bemerkt der Autor dazu – stammt etymologisch aus dem Lateinischen »aura«, d. h. »Luft in Bewegung«, und könnte daher als der Hauch aufgefasst werden, welcher die Stimme des Philosophen überträgt, als eine zärtliche Brise, die seinen jungen Zuhörern Lehrinhalte und Staunen darbietet“. Durch diese Ätherschwingungen hat Benjamin mit dem Rundfunk einen äußerst experimentellen und innovativen Umgang gepflegt, indem er nicht nur literarische Vorträge, sondern auch witzige Hörspiele, lehrreiche „Hörmodelle“, unterhaltsame Funkspiele und Erzählungen zustande gebracht hat, alle weitgehend von der politischen Überzeugung geleitet, der Hiatus zwischen Produzent und Zuhörer solle aufgehoben werden, indem letzterer sich nicht als passiver Rezipient verhalte, sondern Position zum Gehörten einnehme.

Damit kommt Baudouin zum dritten Teil seiner Studie, wo er das bunte Terrain der Rundfunkerzählungen für Kinder ausführlicher erkundet, dabei vertritt er die weitreichende These, Benjamin wäre zu seiner Auffassung des Verfalls der erzählerischen Fähigkeit gerade durch seinen Umgang mit dem Rundfunk gekommen. Baudouin projiziert das im Erzähler-Aufsatz (1936) behandelte Problem auf Benjamins ältere Texte zurück und behauptet, dass Benjamin mit seinen Arbeiten für Kinderversucht habe, eine moderne Form der Erzählung paradoxerweisein der technischen Reproduzierbarkeit zu beschwören. Mag man dem zustimmen oder nicht, Baudouins aufmerksame Auslegung dieser Texte zeichnet sich durch eine genuin Benjaminsche Haltung aus, nämlich die liebevolle Hinwendung zum (scheinbar) Unbedeutenden.

Mit seiner Studie, die sich als anregende Einführung in Benjamins Rundfunkarbeiten empfiehlt, hat Baudouin einige Fragestellungen erarbeitet, die weiterverfolgt zu werden verdienen. Seine Antworten scheinen jedoch meistens entweder ergänzungsbedürftig oder überspannt zu sein, was nichtsdestoweniger den anspruchsvollen Charakter dieser Problematik bezeugt. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass dem Buch eine CD beigefügt ist, welche die einzigen uns überlieferten Teilaufnahmen aus dem wunderbaren Hörspiel „Radau um Kasperl“ enthält, so wie anschließend einige von Baudouin geführte Gespräche (u. a. mit Sabine Schiller-Lerg). Die Frische und die Raffinesse dieser 1932 realisierten Sendung wirken noch heute verblüffend auf den Zuhörer.

 

Stefano Marchesoni

 

Philippe Baudouin: Au microphone : Dr. Walter Benjamin. Walter Benjamin et la création radiophonique 1929-1933, Éditions de la Maison des sciences de l’homme, Paris, 2009, 270 S., € 25.